Velebit

Die Paklenica Schlucht liegt im gleichnamigen Nationalpark in Kroatien, nahe der Stadt Zadar und gehört zum Velebit Gebirge.
Ich war im Frühjahr 1990, noch vor dem Balkankrieg zum ersten Mal dort als das Gebiet noch zu Jugoslawien gehörte. Als Kletterneuling, der Grundkurs lag nur ein gut halbes Jahr zurück, hat mich das Gebiet stark beeindruckt. Im April 1998, also nach dem Krieg, war ich dann ein zweites Mal dort. Das Tourenangebot reicht von kurzen Sportklettereien bis zu Mehrseillängenrouten im 8. UIAA Schwierigkeitsgrad. Es gibt also Touren für den Kletterneuling genauso wie für den alpinen Hardmover.
Die Wände der Schlucht werden immer höher, je weiter man in sie hineinkommt, bis zur 350 Meter hohen Anica Kuk Nordwestand, die Touren vom 5. Grad bis zu 8+ bei "delikater Absicherung" bietet. Bei meinem ersten Besuch war uns eine Durchsteigung leider nicht möglich, da es immer wieder regnete und die Nordwestwand deshalb nicht trocken wurde. Insbesondere lief das Wasser in der Schlüsselseillänge der Mosoraski zusammen, einer Verschneidung im oberen Wandteil, die mit V+ bewertet ist. Bereits in den späten 1980er Jahren war Pit Schubert in der Paklenica Schlucht und hat viele der Touren mit soliden Klebehaken an den Ständen ausgestattet. Bei unserem zweiten Besuch waren dann viele Routen auch mit gebohrten Haken für die Zwischensicherungen versehen. Wir waren jeweils im April dort und hatten immer recht wechselhaftes Wetter mit häufigen Schauern. Der stark verwitterte Kalkstein trocknet zwar sehr schnell ab aber trotzdem waren die langen Touren am Anica Kuk meist nicht möglich, deshalb würde ich eher den Mai empfehlen. Im Hochsommer wird es sicher zu heiß, obwohl die Nordwestwand des Anica Kuk auch dann meist im Schatten liegt.
Bei beiden Aufenthalten sind wir zur Einstimmung die Genussrampe (Bijela rampa, III-) am Kuk seilfrei hinaufgeklettert. Sie macht ihrem Namen alle Ehre und man hat von oben einen guten Überblick über einen Großteil des Gebietes, und wenn man schluchtauswärts schaut, dann kann man das nahe Meer sehen. Der Kalkstein in diesem Gebiet ist stark verwittert und herrlich rauh und griffig. Teilweise haben sich messerscharfe Grate gebildet, die den Eindruck erwecken, als wären sie in der Lage, ein Kletterseil zu durchtrennen.

Genussrampe

Auf der Genussrampe

Unterkünfte und Campingplätze findet man in Starigrad, dem Dorf, in dem die Stichstraße zum Nationalpark von der Küstenstraße Rijeka - Zadar abzweigt. Bei unserem letzten Aufenthalt mußten wir als Kletterer am Eingang zur Schlucht eine geringe Einrittsgebühr bezahlen. Das Geld wird auch für die Routensanierung und Erschließung verwendet und ich fand es deshalb durchaus angemessen, zumal es sich für unsere deutschen Einkommensverhältnisse nur um einen geringen Betrag handelte. (8.50 Euro für 5 Tage)


Schluchteingang

Am Eingang der Schlucht, dort wo die Sportklettereien beginnen

Vom Parkplatz aus erreicht man schluchteinwärts zunächst die Sportkletterwände. Wer längere Touren sucht, muss auch einen etwas längeren Zustieg in Kauf nehmen. Etwa in der Mitte der Anica Kuk Wand gibt es einen markanten Pfeiler. Dieser Wandteil wird in dem neuen Führer als Sektor Stup bezeichnet. Mir gefällt allerdings die deutsche Bezeichnung aus dem alten Kletterführer besser: Elefantenbauch. Dieser Name beschreibt anschaulich die Gestalt des Pfeilers: er sieht aus wie der hellgraue Bauch eines Elefanten, der senkrecht aufgestellt wurde. Bei unserem ersten Aufenthalt konnten wir gegen Ende des Urlaubs die Route Karabore (VI-) an diesem Schmuckstück klettern. Diese Tour hat mich damals sehr beeindruckt und sie bot den schönsten Standplatz, den ich je gesehen habe: wie bei einer Gletschermühle war ein rundes Loch in den Fels erodiert, in dem der Sichernde wie in einem Krähennest auf einem Segelschiff stehen kann. Die meisten Anstiege am Elefantenbauch enden nach 3 oder 4 Seillängen auf einem Absatz, von dem man nach Westen hin abseilt.
Den leichtesten Durchstieg durch die Anica Kuk Wand bietet Brahm's Route (Brahmov, VI- oder IV/A1). Nur ein kurzes Stück ist schwerer als IV (ein abdrängender glatter Kamin) und dieses kann technisch überwunden werden.


Anika Kuk Gipfel

Auf dem Gipfel des Anica Kuk, nachdem uns bei der Durchsteigung der Brahmov ein Regenschauer in den letzten Seillängen überrascht hatte. Im Hintergrund erkennt man das Meer und den Ort Starigrad.

Führer: Paklenica Führer, Sidarta Verlag

Online Infos gibt's auch unter diesem Link.

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